Kurrent und Sütterlin: Was ist der Unterschied

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Kurrent lesen lernen: Ein altes Kochrezept
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Vielleicht hast du gerade ein altes Dokument vor dir liegen. Vielleicht ist es ein Kirchenbucheintrag, ein Brief deiner Urgroßmutter oder eine Heiratsurkunde. Die Tinte verblasst langsam, die Buchstaben wirken fremd. Und dann sagt jemand: „Das ist doch alles Sütterlin!“

Aber stimmt das? Meistens nicht. Besonders wenn du beim Erstellen deines Stammbaums auf ältere Dokumente stößt. Viele Einsteiger merken erst dann, dass es eigentlich zwei unterschiedliche Schriften gibt: Kurrent und Sütterlin. In diesem Artikel zeige ich dir, wie sie sich unterscheiden und wann welche verwendet wurde.

Auf einen Blick

Kurrent: Die ältere Schrift, verwendet vom 16. Jahrhundert bis ins frühe 20. Jahrhundert. Spitz, schräg, variabel.
Sütterlin: Die jüngere, vereinfachte Schulschrift, eingeführt 1915, abgeschafft 1941. Runder und gleichmäßiger.
Faustformel Vor 1915 = Kurrent. Zwischen 1915 und 1941 = Sütterlin
Typisches Erkennungsmerkmal: Kurrent wirkt kantiger und schräger, Sütterlin runder und aufrechter.
Einstieg: Für Anfänger empfehle ich, mit Sütterlin zu beginnen und dann zu Kurrent überzugehen.

Was ist Kurrent?

Kurrent ist die alte deutsche Schreibschrift, die über Jahrhunderte hinweg in Schulen, Ämtern und Kirchenbüchern verwendet wurde. Ihre Wurzeln reichen bis ins Mittelalter zurück, entwickelt aus der sogenannten Kanzleischrift der Verwaltung und Kirche.

Was Kurrent auf den ersten Blick so schwer lesbar macht: Die Buchstaben sind spitz, schräg und stark miteinander verbunden. Hinzu kommt, dass sich im Laufe der Jahrhunderte verschiedene regionale Varianten entwickelt haben. Ein Kirchenbucheintrag aus Bayern kann sich deutlich von einem aus Preußen unterscheiden.

Wenn du alte Urkunden, Kirchenbücher oder Briefe aus dem 18. oder 19. Jahrhundert vor dir hast, sind diese in Kurrent geschrieben. Oft hört man auch den Begriff „Alte deutsche Schrift“ – damit ist in der Regel Kurrent gemeint.

Kurz gesagt: Kurrent ist die Schrift, die deine Ur- und Ururgroßeltern in der Schule gelernt haben sowie Generationen vor ihnen. Generationen von Menschen haben in dieser Schrift ihre Erinnerungen, Verträge und Familiengeschichten festgehalten.

Was ist Sütterlin?

Sütterlin ist die jüngere, vereinfachtere und für den Schulunterricht optimierte Schwester der Kurrentschrift. Entwickelt wurde sie 1911 vom Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin im Auftrag des preußischen Kultusministeriums.

Das Ziel war klar: eine Schreibschrift schaffen, die leichter zu erlernen und besser lesbar ist als die bis dahin verwendete Kurrent. 1915 wurde sie in Preußen eingeführt, danach schrittweise im gesamten deutschen Sprachraum und 1941 offiziell abgeschafft.

Charakteristisch für Sütterlin sind die runden, aufrechten Buchstaben und die gleichmäßige Linienführung. Im Vergleich zu Kurrent wirkt sie weicher und ruhiger. Genau das macht sie für Einsteiger zugänglicher. Sütterlin ist die Schrift, die viele Menschen noch aus Briefen ihrer Großeltern oder Eltern kennen. Sie ist die letzte dieser alten Schriften, die noch aktiv unterrichtet wurde und ist damit ein wichtiges Bindeglied zwischen uns und unseren Vorfahren.

Was ist der Unterschied zwischen Kurrent und Sütterlin?

Auf den ersten Blick sehen beide Schriften ähnlich aus. Beide sind handgeschrieben, beide verwenden ähnliche Buchstabenformen, beide wirken für das moderne Auge zunächst kryptisch. Aber wenn man genauer hinschaut, zeigen sich deutliche Unterschiede.

Form und Neigung

Kurrent neigt sich nach rechts, die Buchstaben sind spitz und fließend ineinander verbunden. Sütterlin steht dagegen aufrechter, die Formen sind runder und gleichmäßiger. Wer ein Dokument vor sich hat, kann sich merken: Wirkt die Schrift eher eckig-dynamisch? Dann ist es Kurrent. Wirkt sie runder und ruhiger? Dann wahrscheinlich Sütterlin.

Zeitraum

Das einfachste Unterscheidungsmerkmal ist das Entstehungsjahr des Dokuments:

  • Vor 1915: fast immer Kurrent
  • 1915 bis 1941: Sütterlin (oder ein Übergang zwischen beiden)
  • Nach 1941: in der Regel moderne Schreibschrift oder Druckschrift

Wichtig: In der Übergangszeit von 1915 bis ca. 1930 findet man,je nach Region, Schreiber und Kontext, oft beide Schriften nebeneinander.

Variabilität

Kurrent war über Jahrhunderte in Gebrauch und hat sich dabei verändert. Jede Region, jede Epoche, jeder Schreiber hat seine eigene Handschrift entwickelt. Sütterlin hingegen war eine standardisierte Schulschrift und sah bei verschiedenen Schreibern deshalb ähnlicher aus.

Und was ist Fraktur?

Wer sich mit alten Schriften beschäftigt, stößt früher oder später auch auf den Begriff Fraktur. Wichtig zu wissen: Fraktur ist eine Druckschrift, keine Handschrift. Sie wurde in Büchern, Zeitungen und gedruckten Dokumenten verwendet- parallel zu Kurrent und Sütterlin als Schreibschriften. Wenn du also ein gedrucktes Buch aus dem 19. Jahrhundert liest, begegnest du Fraktur. Einen handgeschriebenen Brief dagegen in Kurrent.

Übersicht: Kurrent vs. Sütterlin

 KurrentSütterlinFraktur (Druck)
Zeitraum16.–frühes 20. Jh.1915–1941ca. 1550–1941
TypSchreibschrift (Handschrift)Schreibschrift (Handschrift)Druckschrift
OptikSpitz, schräg, variabelRund, gleichmäßig, aufrechtGebrochen, gedruckt
Typische DokumenteKirchenbücher, Urkunden, BriefeSchulhefte, Briefe, amtl. SchriftenBücher, Zeitungen, Amtsblätter
Für Einsteiger?AnspruchsvollerGuter EinstiegPassiv lesen, nicht schreiben

Praxis: So liest du Kurrent und Sütterlin

Alte Handschriften zu lesen, ist wie eine kleine Zeitreise. Gleichzeitig kann es am Anfang frustrierend sein, wenn man die Buchstaben nicht entziffern. Mit ein paar einfachen Schritten bekommst du aber schnell ein Gefühl für die Schrift.

1. Beginne mit bekannten Wörtern

Suche im Dokument nach Wörtern, die du kennst: und, der, Johann, Maria, Ortsnamen oder typische Berufsbezeichnungen. Das gibt dir eine Grundlage für die Buchstabenformen des jeweiligen Schreibers.

2. Vergleiche gleiche Buchstaben im selben Dokument

Ein Schreiber schrieb z.B. seinen Buchstaben h immer gleich. Wenn du einmal weißt, wie er es schreibt, erkennst du es überall wieder. Nutze das.

3. Lies zuerst den gesamten Satz und nicht Buchstabe für Buchstabe

Als Anfänger hängt man leicht an einzelnen Wörtern fest. Doch der Kontext hilft enorm. Oft lässt sich ein unbekanntes Wort aus dem Zusammenhang erraten, bevor man jeden Buchstaben entziffert hat.

4. Arbeite mit Lineal oder Papierstreifen

Lege ihn unter die aktuelle Zeile. Das verhindert, dass die Augen in die nächste Zeile springen und Buchstaben durcheinandergeraten.

5.Notiere dir jedes entschlüsselte Wort in normaler Schrift

Das erleichtert das spätere Zusammenfügen des Textes erheblich und du kannst deinen Fortschritt sehen.

Typische Buchstabenfallen

Wer alte Handschriften liest, begegnet immer wieder denselben Stolperstellen. Hier sind die drei häufigsten:

Das lange s (ſ)

Bis ins 20. Jahrhundert wurde in der Wortmitte fast immer das lange s geschrieben. Nur am Wortende steht das kurze s (auch Schluss-S genannt). Das lange s sieht dem f zum Verwechseln ähnlich- aber es hat keinen Querstrich.

Sobald du das lange s kennst und erkennst, erschließen sich viele Wörter, die vorher unleserlich wirkten.

u, n und m: die Bögen-Falle

Diese drei Buchstaben sehen in Kurrent besonders ähnlich aus, weil sie alle aus ähnlichen Bögen bestehen:

  • u = zwei Bögen + kleiner Aufstrich oben
  • n = zwei Bögen
  • m = drei Bögen

Das Wort nun besteht aus drei fast identischen Elementen. Ohne Kontext ist es kaum zu unterscheiden. Hier hilft wirklich nur: Kontext lesen, Buchstaben zählen, Übung.

Das e, das wie ein n aussieht

Das Kurrent-e besteht aus einem kleinen Haken, der leicht wie ein winziges n wirkt. Das kleine e ist eine der häufigsten verwendeten Vokale. Wer es einmal sicher erkennt, kann plötzlich ganze Wörter lesen, die vorher unverständlich waren.

Die häufigsten Buchstabenfallen in Kurrent und Sütterlin
Die typischen Buchstabenfallen. 1. Zeile: Das lange S und das kurze (Schluss-) S. 2. Zeile: m, n, u. 3. Zeile: i und e. 4. Zeile: ß und tz.

Tools & Hilfsmittel für die Transkription

Es gibt großartige Werkzeuge, die dir das Lesen alter Dokumente stark erleichtern

Online-Alphabete & Übungsblätter

  • kurrentschrift.net: Alphabete, S-Regeln, Übungsblätter für Kurrent, Sütterlin und Offenbacherschrift
  • Wikimedia Commons: Kostenlose Alphabetblätter im Public Domain. Einfach Kurrent oder Sütterlin in die Suche eingeben

Automatische Transkriptions-Tools

Diese Tools sind nicht perfekt aber sie können einen ersten Entwurf liefern, der das manuelle Lesen erheblich erleichtert:

  • Transkribus : KI-gestützte Handschriftenerkennung, besonders stark bei historischen Dokumenten
  • eScriptorium: Open-Source-Alternative, gut für größere Dokumentmengen

Wörterbücher für alte Begriffe

  • woerterbuchnetz.de: Zugang zu historischen Wörterbüchern wie dem Grimm’schen Wörterbuch

Praktische Hilfsmittel

  • Eine gute Lupe (am besten mit eingebautem LED-Licht) für physische Dokumente
  • Bei digitalisierten Dokumenten: eine Kopie mit erhöhtem Kontrast erstellen. Das hebt schwache Tinte deutlich an und macht das Dokument besser lesbar

FAQ – Häufige Fragen zur alten deutschen Schrift

Ist Sütterlin das Gleiche wie Kurrent?

Nein. Sütterlin ist eine vereinfachte, standardisierte Schulschrift, die auf Kurrent basiert aber deutlich jünger ist und sich optisch unterscheidet. Kurrent ist die ältere, variantenreichere Vorlage.

Kann ich alte Schriften mit Tools automatisch entziffern?

Teilweise. Tools wie Transkribus sind mittlerweile erstaunlich gut geworden. Aber sie ersetzen nicht das menschliche Auge, besonders bei unleserlichen oder stark individuellen Handschriften. Ich empfehle: Tools als ersten Entwurf nutzen, dann selbst nachkorrigieren.

Warum sieht das s so seltsam aus?

Weil es zwei Formen gibt: das lange s (ſ) in der Wortmitte und das kurze s am Wortende. Das lange s hat keinen Querstrich, das unterscheidet es vom ähnlich aussehenden f.

Wie lange braucht man, um Kurrent oder Sütterlin zu lernen?

Die Buchstaben erkennst du nach wenigen Stunden. Flüssig lesen dauert ein paar Wochen. Das Schreiben braucht etwas längere Übung aber für die genealogische Praxis ist das Lesen das Entscheidende.

Wo finde ich kostenlose Alphabete?

Auf kurrentschrift.net, Wikimedia Commons oder Fontlibrary.org. Ich empfehle, dir ein Alphabetblatt auszudrucken und neben dein Dokument zu legen, das spart viel Zeit.

Warum du mit Sütterlin beginnen solltest

Wenn du die alten Handschriften selbst lesen möchtest, und ich kann dir sagen, es lohnt sich sehr, dann fang mit Sütterlin an. Die runderen, gleichmäßigeren Buchstaben geben dir schneller ein Erfolgserlebnis, und dieses Gefühl trägt dich durch die schwierigeren Stellen.

Wenn du Sütterlin sicher liest, ist der Übergang zu Kurrent viel leichter. Und dann? Dann öffnet sich eine ganz andere Welt.

Viele Menschen erzählen mir, dass der Moment, in dem sie einen alten Brief zum ersten Mal selbst entziffern konnten, sich unglaublich anfühlt. Nicht weil sie eine neue Technik gelernt haben, sondern weil da plötzlich eine Stimme aus der Vergangenheit zu ihnen spricht. Die Handschrift deiner Urgroßmutter. Die Unterschrift deines Ururgroßvaters unter einem alten Vertrag.

Fang mit Sütterlin an. Übe geduldig. Und lies dann, was deine Vorfahren geschrieben haben.

Von Tina Baier

ÜBER MICH: Familiengeschichten hinterlassen Spuren: in alten Dokumenten, Kirchenbüchern und Archiven, aber auch in uns selbst. Seit 2007 folge ich diesen Spuren und was als Neugier begann, wurde zur Leidenschaft und führte schließlich zur Erkenntnis: Hinter jedem Namen steckt weit mehr als ein Datum. Auf diesem Blog verbinde ich klassische Ahnenforschung mit psychologischem Tiefgang und altem Wissen. Für alle die nicht nur wissen wollen wer ihre Vorfahren waren, sondern auch was diese ihnen mitgegeben haben. Mehr über mich erfährst du hier.