Dieser Beitrag entsteht im Rahmen der Blogparade „Mein Lieblingsmärchen und so beeinflusst es mich“ von Bettina von Hanffstengel.
Wenn ich an Märchen denke, denke ich nicht nur an die Geschichten meiner Kindheit. Manche Geschichten begleiten mich bis heute. Andere haben erst viele Jahre später ihren Weg zu mir gefunden und mir etwas gezeigt, das ich als Kind wahrscheinlich nicht verstanden hätte.
Schon als Kind mochte ich besonders das Märchen von Schneeweißchen und Rosenrot . Damals wie heute aus einem einfachen Grund: Dort musste keine Prinzessin gerettet werden.
Doch das Märchen, das mich heute am stärksten begleitet, habe ich nicht gesucht. Es hat mich erst als Erwachsene gefunden.
„Die Störche“ von Hans Christian Andersen
„Die Störche“ gehört neben Klassikern wie „Die Kleine Seejungfrau“ oder „Das häßliche junge Entlein“ zu den weniger bekannten Märchen von Hans Christian Andersen.
Störche gehören schon seit meiner Kindheit zu meinen Lieblingsvögeln. Ich mochte diese großen, ruhigen Vögel mit ihren langen Beinen und ihrer besonderen Erscheinung schon immer.
Vielleicht musste ich erst erwachsen werden, um dieses Märchen wirklich zu verstehen. Als Kind hätte mich sein Ende vermutlich eher abgeschreckt.
Was diese Geschichte in mir berührt hat, begleitet mich bis heute.
Ich hatte beim ersten Lesen das Gefühl: Hier schreibt jemand, der schon vor fast 200 Jahren verstanden hat, dass Tiere nicht einfach Dinge sind. Dass sie empfinden. Dass sie Angst haben können und Freude erleben.
Besonders geblieben ist mir die Storchmutter. Die kleinen Störche hören die Kinder auf der Straße ihr grausames Lied singen und bekommen Angst. Für sie ist es keine harmlose Neckerei, sondern eine echte Bedrohung.
Und die Storchmutter sagt zu ihnen: Hört nicht auf sie.
Die kleinen Störche haben Angst vor den Kindern und ihren grausamen Worten. Doch ihre Mutter lenkt ihren Blick auf das, was wirklich wichtig ist: fliegen lernen, Vertrauen gewinnen und sich nicht von anderen bestimmen lassen.
Genau das ist mir geblieben. Die Worte anderer müssen nicht bestimmen, wie wir uns selbst sehen. Für mich gilt dieser Satz heute weit über das Märchen hinaus.
Andersen zeigt in diesem Märchen, wie grausam Menschen gegenüber Tieren sein können. Aber er zeigt auch, dass Menschen anders handeln können. Der Junge Peter, der sagt, dass es nicht richtig ist, die Tiere zu quälen, steht bewusst gegen die anderen.
Vielleicht ist es genau deshalb so berührend: Dieses Märchen hat eine Haltung in Worte gefasst, die schon lange in mir vorhanden war. Tiere haben Gefühle. Sie verdienen unseren Respekt. Und wir Menschen tragen Verantwortung dafür, wie wir mit der Welt um uns herum umgehen.
Bis heute beeinflusst mich dieses Märchen in meinem Blick auf Tiere und den bewussten Umgang mit der Natur. Und der Storch ist für mich bis heute ein besonderer Vogel geblieben.
Nur mit dem Ende des Märchens tue ich mich bis heute schwer. Andersen verbindet hier den alten Volksglauben, dass Störche die Kinder bringen, mit der Märchenvorstellung von Belohnung und Bestrafung.
Wer freundlich zu den Störchen ist, wird belohnt – wer sie verspottet, muss die Folgen tragen. Trotzdem empfinde ich diese Strafe aus heutiger Sicht als hart, fast schon ein bisschen grausam. Vielleicht zeigt gerade dieser Teil, dass Märchen immer auch die Zeit widerspiegeln, aus der sie stammen. Liebgewonnen habe ich „Die Störche“ trotzdem. Nur dieser Teil hat sich für mich noch nie ganz stimmig angefühlt.


Ein weiteres Lieblingsmärchen
Ein weiteres Märchen, das mich seit kurzem begleitet, ist Das Tränenkrüglein von Ludwig Bechstein. Dieses Märchen hat mich in einer Zeit gefunden, in der ich Abschied von geliebten Menschen nehmen musste. Es erzählt von einer Mutter, die um ihr totes Kind so viele Tränen weint, dass es ihr eines Nachts mit einem übervollen Krüglein erscheint: Jede weitere Träne würde es zum Überlaufen bringen. Also hört die Mutter auf zu weinen, nicht weil der Schmerz vergangen wäre, sondern aus Liebe.
So ist diese alte Erzählung für mich zu einem Bild geworden, das mich begleitet. Sie erinnert mich daran, dass Trauer sich verändern darf, ohne dass die Liebe zu den Menschen, von denen ich Abschied nehmen musste, kleiner wird. Loslassen bedeutet nicht, weniger zu vermissen, sondern der Liebe einen anderen Platz zu geben.
Manchmal frage ich mich, welches Märchen als nächstes den Weg zu mir finden wird.
ÜBER MICH: Familiengeschichten hinterlassen Spuren: in alten Dokumenten, Kirchenbüchern und Archiven, aber auch in uns selbst. Seit 2007 folge ich diesen Spuren und was als Neugier begann, wurde zur Leidenschaft und führte schließlich zur Erkenntnis: Hinter jedem Namen steckt weit mehr als ein Datum. Auf diesem Blog verbinde ich klassische Ahnenforschung mit psychologischem Tiefgang und altem Wissen. Für alle die nicht nur wissen wollen wer ihre Vorfahren waren, sondern auch was diese ihnen mitgegeben haben.
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