„Ich habe keine Zeit.“ Wahrscheinlich jeder von uns kennt diesen Satz. Zwischen Arbeit, Haushalt, Terminen, Erledigungen und ständiger Erreichbarkeit scheint der Tag manchmal einfach nicht genug Stunden zu haben. Und dann sollen wir auch noch langsamer leben?
Vielleicht denkst du jetzt: Dafür habe ich wirklich keine Zeit.
Diesen Gedanken kenne ich selbst. Vor ein paar Monaten war ich an dem Punkt, an dem ich mich fragte: Habe ich tatsächlich zu wenig Zeit oder nutze ich meine Zeit einfach nur falsch? Oder möchte ich einfach kein Teil dieser schnellen modernen Welt mehr sein?
Denn vielleicht brauchen wir für ein langsameres Leben gar nicht unbedingt mehr Zeit. Vielleicht müssen wir nur anders mit der Zeit umgehen, die wir bereits haben.
Woher kommt der Gedanke „Ich habe keine Zeit für ein langsameres Leben“?
Die Welt um uns herum ist schnell geworden. Wir können innerhalb von Sekunden Nachrichten verschicken, jederzeit einkaufen, auf Knopfdruck Informationen abrufen und Dinge von zu Hause aus bestellen. Was früher Tage gedauert hat, ist heute manchmal mit wenigen Klicks erledigt.
Eigentlich müsste uns diese Entwicklung unglaublich viel Zeit schenken. Trotzdem sind wir ständig beschäftigt. Wenn etwas schneller geht, erledigen wir eben noch eine Aufgabe. Wenn wir jederzeit erreichbar sein können, sind wir es. Und wenn wir dann mal einen freien Nachmittag haben, packen wir dort hinein Arzttermine oder andere Dinge, für die wir sonst keine Zeit finden.
Dazu kommt, dass das ständige Beschäftigtsein in unserer Gesellschaft beinahe einen positiven Wert bekommen hat. „Ich habe viel zu tun“ klingt meist wie ein Beweis dafür, dass wir wichtig, fleißig oder erfolgreich sind.
Wer dagegen sagt, dass er sich Zeit nimmt, um in Ruhe einen Kaffee auf seiner Terrasse zu trinken, ein Buch zu lesen oder einfach einmal gar nichts zu tun, muss sich fast schon rechtfertigen.
Langsamkeit wird schnell mit Faulheit, Langeweile oder fehlendem Ehrgeiz verwechselt. Dabei ist ein langsameres Leben nicht das Gegenteil eines erfüllten Lebens. Es geht auch nicht darum, nichts mehr zu tun, sondern darum, nicht ständig unter dem Gefühl zu stehen, dass alles schneller, effizienter und produktiver werden muss.
Warum dieser Glaubenssatz so hinderlich ist
„Ich habe keine Zeit für ein langsameres Leben“ klingt zunächst nach einer ganz logischen Feststellung. Schließlich können wir unseren Tag nicht einfach um ein paar zusätzliche Stunden verlängern. Arbeit, Familie, Haushalt und andere Verpflichtungen verschwinden nicht, nur weil wir uns nach mehr Ruhe sehnen.
Problematisch wird dieser Gedanke dann, wenn wir deshalb darauf warten, dass irgendwann bessere Zeiten kommen. Wenn die Arbeit weniger wird. Wenn die Kinder größer sind. Wenn die Wohnung endlich ordentlich genug ist. Wenn dieses eine Projekt abgeschlossen ist. Wenn wir endlich einmal alles geschafft haben.
Nur gibt es diesen Zeitpunkt wahrscheinlich gar nicht. Irgendetwas ist immer zu tun.
Und so verschieben wir Ruhe, Muße und bewusste Zeit immer weiter in die Zukunft. Wir hetzen vielleicht durch Dinge, die uns eigentlich Freude machen. Der Spaziergang wird zum Programmpunkt, das Essen wird nebenbei gegessen und das Buch liegt zwar auf dem Tisch, aber eigentlich müsste vorher noch schnell etwas erledigt werden.
Vielleicht haben wir also nicht unbedingt zu wenig Zeit. Vielleicht erleben wir einen Teil unserer Zeit nur nicht mehr wirklich als unsere eigene.
Die Wahrheit über ein langsameres Leben
Ein langsameres Leben bedeutet nicht, dass du deine Arbeit aufgeben, den Haushalt oder andere Dinge aufgeben musst. Ich möchte aber auch nicht mehr automatisch alles mitmachen.
Nur weil ich jederzeit erreichbar sein kann, muss ich es nicht sein. Nur weil ich mehrere Dinge gleichzeitig erledigen kann, muss ich es nicht tun. Und nur weil etwas schneller geht, heißt das nicht, dass ich mein Leben deshalb schneller machen muss..
Ich glaube, genau hier beginnt für mich Entschleunigung: bei der Entscheidung, nicht mehr alles mitmachen zu müssen.
Ein langsameres Leben kann bedeuten, bewusster zu wählen, wofür wir unsere Zeit verwenden. Es kann bedeuten, eine Pause nicht erst dann zu machen, wenn wir erschöpft sind. Oder einen Spaziergang nicht nur dann zu machen, um eine fehlende Schrittanzahl zu sammeln.
Für mich bedeutet langsamer leben nicht, alles stehen und liegen zu lassen. Es bedeutet vielmehr, mir bewusst Zeit für mich zu nehmen. Zeit, in der ich nicht funktionieren, nichts erledigen und niemandem etwas beweisen muss.
Das kann beim Stricken sein, bei einer Tasse Tee oder beim Beobachten der Vögel im Garten. Es sind keine spektakulären Dinge. Aber sie holen mich für einen Moment aus diesem ständigen „Ich muss noch …“ heraus.
Was wir dabei aus der Vergangenheit lernen können
Wenn wir uns fragen, ob wirklich alles immer schneller werden muss, lohnt sich auch ein kurzer Blick zurück.
Durch die Ahnenforschung kenne ich die Namen, Daten und Lebenswege meiner Vorfahren. Irgendwann wurde für mich aber eine andere Frage immer interessanter: Wie sah ein ganz gewöhnlicher Tag in ihrem Leben aus?
Ich möchte die Vergangenheit dabei keinesfalls romantisieren. Das Leben unserer Vorfahren war häufig hart und von vielen Entbehrungen geprägt. Sie hatten mit Problemen zu kämpfen, die wir heute kaum noch kennen, und vieles, was für uns selbstverständlich ist, war für sie mit großer körperlicher Arbeit verbunden.
Trotzdem hatten manche Dinge ihr eigenes Tempo. Die Jahreszeiten bestimmten stärker den Alltag, Kleidung wurde repariert, Lebensmittel wurden verarbeitet und haltbar gemacht und nicht alles war jederzeit verfügbar.
Und trotzdem sehne ich mich manchmal nach einem Teil dieser Langsamkeit zurück. Nach einer Zeit, in der handwerkliche Tätigkeiten noch ganz selbstverständlich zum Alltag gehörten. In der etwas selbst zu machen, zu reparieren oder haltbar zu machen, kein besonderes Hobby war, sondern einfach zum Leben gehörte.
Was mir die Natur über Entschleunigung zeigt
Am deutlichsten merke ich das für mich draußen. Wenn ich einen Vogel beobachte, kann daraus schon mal eine halbe Stunde werden. Früher hätte ich vielleicht gedacht: Dafür habe ich eigentlich keine Zeit.
Heute frage ich mich eher: Was hätte ich in dieser halben Stunde denn unbedingt erledigen müssen?
Natürlich können wir Menschen nicht einfach wie Vögel leben. So ohne Termine und Verpflichtungen. Aber wir können uns manchmal daran erinnern lassen, dass nicht jeder Moment einen sichtbaren Nutzen haben muss.
Vielleicht ist genau das eine Form von Entschleunigung: den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen, anstatt gedanklich schon beim nächsten Punkt zu sein.
Wie ich angefangen habe, langsamer zu leben
Ich habe selbst noch keine perfekte Methode gefunden und ich lebe auch nicht jeden Tag langsam und bewusst. Mein Alltag ist auch nicht plötzlich frei von Terminen, Aufgaben oder Stress.
Aber ich merke, dass ich mich immer öfter bewusst gegen dieses ständige „schneller, mehr und weiter“ entscheide.
Ich erlaube mir mehr Pausen. Ich nehme mir bewusst Zeit für Dinge, die mir gut tun, trinke in Ruhe eine Tasse Tee oder beobachte die Vögel, auch wenn dabei nichts von meiner To-do-Liste verschwindet. Früher hätte ich eine solche Pause vielleicht eher als etwas betrachtet, das ich mir erst verdienen muss. Heute sehe ich sie zunehmend als etwas, das zu meinem Leben dazugehört.
Ich möchte Dinge bewusster kaufen, mehr Zeit draußen verbringen und nicht jede freie Minute verplanen. Vor allem aber möchte ich nicht ständig das Gefühl haben, noch etwas erledigen zu müssen.
Du möchtest auch langsamer leben? So kannst du anfangen
Wenn du dir ebenfalls ein etwas langsameres Leben wünschst, musst du dafür nicht deinen gesamten Alltag umkrempeln. Vielleicht brauchst du auch keine neue Morgenroutine, keinen perfekt geplanten Slow-Living-Tag und keine lange Liste von Dingen, die du ab sofort anders machen musst.
Vielleicht kannst du einfach einmal eine freie Stunde tatsächlich frei lassen. Du kannst ohne Ziel spazieren gehen, dein Handy für eine Weile beiseitelegen oder eine Sache bewusst langsamer machen. Du kannst deinen Tee trinken, ohne gleichzeitig E-Mails zu beantworten, oder beim nächsten Spaziergang stehen bleiben, wenn du etwas Interessantes entdeckst.
Und wenn dabei irgendwann der Gedanke auftaucht: Dafür habe ich doch keine Zeit!, dann könntest du dich fragen: Oder möchte ich mir diese Zeit einfach nicht nehmen?
Vielleicht brauchst du gar nicht mehr Zeit. Vielleicht brauchst du nur den Mut, einen kleinen Teil der Zeit, die du bereits hast, wieder selbst zu bestimmen.
Vielleicht beginnt genau dort die Entschleunigung.
ÜBER TINA BAIER: Geschichten finden sich überall: in alten Aufzeichnungen, in der Natur und in den kleinen Momenten des Alltags. Auf diesem Blog geht es um Familiengeschichten, achtsames Leben und die vielen Spuren, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden.
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