Ich habe meine Leser gefragt, welches Wissen unserer Vorfahren verloren geht. Das kam dabei raus.

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9 von 27 gewünschten Wissensbereichen werden von sechs Befragten heute tatsächlich angewendet.

Zwischen dem 03. und 30. September haben sechs Menschen auf die Fragen meiner Umfrage geantwortet. Zugegeben: Bei so wenigen Teilnehmern ist das Ergebnis weder repräsentativ noch besonders aussagekräftig.

Interessanter als die Zahlen selbst waren für mich deshalb die Antworten auf die offenen Fragen, die ich gestellt hatte: Was wünschen wir uns eigentlich zurück? Was davon ist noch Teil unseres Alltags? Und welches Wissen vermissen wir erst, wenn wir genauer darüber nachdenken?

Kurz zusammengefasst

• 6 Menschen haben zwischen dem 24. und 30. September teilgenommen.
• 9 von 27 gewünschten Wissensbereichen werden heute tatsächlich angewendet.
• Alte Hausmittel wurden von allen sechs als Wunsch genannt, aber nur eine Person wendet sie an.
• Reparieren und Handwerken würden vier Personen gern können, niemand wendet es aktuell an.
• Beim Kochen und bei Familienrezepten zeigt sich ein anderes Bild: Drei wünschen sich dieses Wissen, fünf wenden es bereits an.
• Alle sechs Teilnehmer kennen das Wissen ihrer Vorfahren aus Erzählungen von Eltern oder Großeltern.
• Einige Antworten gingen über meine vorgegebenen Kategorien hinaus: genannt wurden unter anderem Dialekt, Denken und Entscheiden ohne KI und das Wetter von früher.

Eigene Befragung, 6 Antworten, 24.–30.09.2026

Warum ich das wissen wollte

Ich beschäftige mich seit Jahren mit Ahnenforschung. Inzwischen interessiert mich zunehmend auch die Frage, was wir aus der Vergangenheit mitnehmen können, wenn es um ein langsameres und naturnäheres Leben geht.

Mir ging es dabei nicht darum, dass früher alles besser war.

Mich interessierte etwas anderes: Welches Wissen wurde von unseren Vorfahren ganz selbstverständlich an die nächsten Generationen weitergegeben, das heute vielleicht nicht mehr selbstverständlich ist?

Deshalb wollte ich wissen, welches Wissen die Befragten von ihren Vorfahren kennen, was sie davon selbst noch anwenden und was sie sich heute gern aneignen würden.

Beim Erstellen der Umfrage hatte ich eine Vermutung: Nur ungefähr ein Drittel dessen, was sich die Menschen wünschen, würden sie tatsächlich anwenden.

Bei sechs Personen und 27 Nennungen landete ich tatsächlich bei 9 von 27.

Damit lag ich mit meiner Vermutung sehr nah am Ergebnis. Aber während ich die Antworten auswertete, fand ich etwas viel interessanteres als die Zahlen.

Meine Vorgehensweise

Dies war meine erste von mir durchgeführte Umfrage. Die Umfrage wurde auf Tally erstellt und lief vom 03. bis 30. September 2026. Es haben 6 Menschen teilgenommen. Ich selbst habe nicht teilgenommen.

Geteilt habe ich die Umfrage über meinen Newsletter, Pinterest, auf meinem Blog und über einen Sammelartikel bei Judith Peters. Laut Tally haben 52 Menschen die Umfrage besucht, sechs haben sie vollständig beantwortet.

Die Antworten konnten anonymisiert abgegeben werden. Die Befragung ist nicht repräsentativ und kann deshalb nichts darüber aussagen, was Menschen allgemein über Wissen aus früheren Generationen denken.

Die freiwillig angegebenen E-Mail-Adressen wurden ausschließlich für den Versand der Ergebnisse genutzt.

Auch bilden die 6 Teilnehmer keine einheitliche Gruppe: Zwei beschäftigen sich weder mit Ahnenforschung noch mit einem langsameren Leben, zwei mit Slow Living, eine Person mit beidem und eine mit Ahnenforschung.

Eine weitere Einschränkung ist mir beim Auswerten aufgefallen: Bei der Frage nach dem Wissen, das man gern lernen würde, konnten auch Dinge genannt werden, die man bereits anwendet, aber gern öfter oder besser können würde.

Ich sehe die Antworten deshalb eher als kleine Momentaufnahme.

Und genau als solche finde ich sie interessant.

Wo der Abstand am größten ist

Bei manchen Wissensbereichen ist der Abstand zwischen Wunsch und tatsächlicher Anwendung ziemlich deutlich.

Alte Hausmittel haben alle sechs Befragten genannt. Tatsächlich angewendet werden sie aber nur von einer Person.

Auch Reparieren und Handwerken tauchen mehrfach als Wunsch auf: Vier von sechs würden dieses Wissen gern beherrschen. In der Befragung gab niemand an, es tatsächlich anzuwenden.

Das lässt sich natürlich nicht auf irgendeine Ursache zurückführen. Danach hatte ich in meiner Befragung nicht gefragt.

Vielleicht fehlt die Zeit. Vielleicht fehlt auch nur jemand, von dem man es lernen könnte. Oder aber ist das Wissen darüber tatsächlich schon weitgehend verschwunden.

Beates Antwort bringt den Wunsch sehr konkret auf den Punkt:

„Reparaturarbeiten selber ausführen“

Es geht um Dinge, die einmal selbstverständlich zum Alltag gehört haben: etwas selbst reparieren, Lebensmittel haltbar machen, Pflanzen kennen, mit dem arbeiten, was vor der eigenen Haustür wächst.

Erstellt mit Excel: Das Diagramm vergleicht Wunsch und Praxis der sechs Befragten, aufgeschlüsselt nach acht Wissensbereichen. Am größten ist die Lücke bei alten Hausmitteln und beim Reparieren. Eigene Umfrage, 6 Antworten, September 2026.

Woher wir das wenige wissen, das wir noch wissen

Eine Antwort hat mich besonders nachdenklich gemacht, weil sie zeigt, wie Wissen größtenteils weitergegeben wird.

Alle sechs Befragten gaben an, das Wissen ihrer Vorfahren aus Erzählungen von Eltern oder Großeltern zu kennen.

Auch die Person, die selbst Ahnenforschung betreibt, nannte Erzählungen als Quelle.

Das ist interessant, weil vor allem jüngere Generationen bei der genealogischen Forschung meist an einer anderen Stelle ansetzen: bei Namen, Daten, Dokumenten und Quellen.

Erzählungen sind dagegen etwas anders.

Sie bewahren nicht unbedingt das genaue Datum, an dem etwas passiert ist. Dafür erzählen sie vielleicht davon, wie eine Großmutter mit bestimmten Lebensmitteln umging, welches Hausmittel in der Familie verwendet wurde oder welche Geschichte immer wieder erzählt wurde.

Gabriella beschreibt das so:

„sie haben mir alles gelernt, was ich wissen wollte und noch einiges mehr“

Auf die Frage, welches Wissen unbedingt an die nächste Generation weitergegeben werden soll, antwortet Gabriella so:

„Umgang mit Resten und Nahrungsmittel
Kochen mit günstigen Nahrungsmittel aus der Umgebung
Geschichten über die Familien, wozu auch Tratsch gehört“

Gerade dieser letzte Punkt gefällt mir.

Denn Familienwissen besteht eben nicht nur aus den Daten, welche später in einer Familienchronik festgehalten werden.

Dieses Wissen besteht auch aus alten Rezepten, bestimmte Handgriffe, aus Redewendungen. Und eben aus den Geschichten, die in der Familie immer wieder erzählt werden.

Vielleicht ist das aber auch dem Zeitgeist geschuldet. Wenn ich an meine Großeltern zurück denke, wurde viel erzählt. In der Generation meiner Eltern und Schwiegereltern eher weniger. Und heute fast gar nichts mehr.

Wie sollen Geschichten und Wissen auch weitergegeben werden, wenn niemand mehr da ist, der erzählt?

Antworten, mit denen ich nicht gerechnet hatte

Hier wurde die kleine Befragung für mich besonders interessant.

Ich hatte acht Kategorien vorgegeben: Natur und Pflanzen, Tiere, Anbauen und Ernten, Reparieren und Handwerken, Nähen und Handarbeiten, Bräuche und Traditionen, Kochen und Familienrezepte sowie alte Hausmittel.

Ich hatte also ziemlich konkrete Dinge im Kopf.

Drei Antworten gingen weit darüber hinaus.

Eine Person wünscht sich Wissen über den eigenen Dialekt:

„Unseren lokalen Dialekt, der jetzt leider ausstirbt“

Eine andere nennt etwas, das sich nicht in eine praktische Fähigkeit übersetzen lässt:

„Denken, Entscheiden, Methoden, ohne KI“

Eine weitere Antwort hat mich dann doch überrascht. Sie bezog sich auf das Wetter von früher und darauf, wie sich die eigene Wahrnehmung über Jahrzehnte verändert hat:

„Mich interessiert zb wie früher das Wetter war, oder was früher die genau anders war. ( zb vor 7 Jahren war wetterapp zuverlässiger als heute) sowas 60 Jahre zirpück“

Das hatte ich bei der Erstellung der Umfrage nicht erwartet, auch weil ich die Kategorien Dialekte und Wetterbeobachtung bewusst gestrichen hatte, um die Umfrage nicht zu überladen.

Tatsächlich kann ich von den drei Dialekten mit denen ich aufgewachsen bin, selbst kaum noch einen sprechen (verstehen geht aber noch 😉). An der Schule musste damals Hochdeutsch gesprochen werden.

Zum Thema Wetterapps kann ich nichts sagen, denn ich benutze keine. Was ich aber sagen kann, ist, dass die Wetterregeln, die ich von früher kenne, nicht mehr funktionieren. Ein Beispiel hierfür wäre: Morgenrot, schlecht Wetter droht. Abendrot, Gut Wetterbot. Woran das liegt, wäre durchaus eine intensivere Recherche wert.

Das Thema mit der KI ist ebenfalls spannend. Gerade hier lässt sich beobachten, dass viele Menschen gerade wieder von KI weggehen. Auch wenn manche Programme durchaus praktisch sein können, etwa um kurz auf Rechtschreibfehler zu überprüfen.

Vielleicht ist genau das eine Grenze solcher Umfragen: Man fragt nach dem, was einem selbst wichtig erscheint – und bekommt manchmal eine Antwort, die zeigt, dass die eigentliche Frage eine ganz andere ist.

Was trotzdem wichtig ist

Ich hatte zusätzlich gefragt, welches Wissen aus früheren Generationen die Befragten selbst heute noch für wichtig halten.

Auch hier tauchen Naturwissen, Hausmittel, Haltbarmachen und Reparieren wieder auf.

Gabriella schreibt:

„alte Hausmittel
tradierte Familiengeschichten
Traditionen“

Eine andere Antwort nennt keine Fähigkeit sondern die Art mit bestimmten Dingen umzugehen:

„Regional, Jahreszeiten, natürlich, bio.“

Vielleicht liegt genau darin das Problem meiner eigentlichen Fragestellung.

Es geht nicht nur darum, wie man etwas macht. Es geht auch um das Wissen dahinter: Wann wächst etwas? Was lässt sich aufbewahren? Wie lässt es sich aufbewahren? Was kann ich selbst herstellen? Wie kann repariert werden, statt es wegzuwerfen?

Und manchmal geht es um Fragen, die sich gar nicht so leicht beantworten lassen.

Diese Antworten sind mir besonders hängen geblieben

Sechs Antworten sind nicht viel. Sylvia schreibt zum Wissen, dass sie an die nächste Generation weitergeben möchte, folgendes:

„Überleben in der Natur, Ernährung von der Natur, als gäbe es keine Supermärkte“

Beate schreibt:

„Unbedingt die Heil- und Hausmittel, Pflanzen- und Naturwissen, auch die Herstellung von Waschmitteln etc. aus natürlichen Zutaten und Pflanzen. Man weiss ja nie.“

Dieses „Man weiss ja nie“ ist mir dabei irgendwie besonders hängen geblieben.

Denn die Welt um uns herum wird immer schneller und beunruhigender. Dahinter versteckt sich mehr, als nur alte Rezepte weiterzugeben. Es geht vor allem um Wissen, das unabhängig macht: über Pflanzen, natürliche Zutaten und über Dinge, die man selbst herstellen oder anwenden kann.

Einige Antworten erzählen also von fehlendem Wissen, während bei anderen eine Weitergabe an die nächste Generation funktionierte.

Vielleicht ist auch das ein Teil der Geschichte: Wissen geht nicht überall verloren. Manches wird weitergegeben, anderes nicht.

Was diese sechs Antworten nicht beantworten können

Wie oben mehrfach erwähnt war das keine repräsentative Umfrage. Die kleine Anzahl an Teilnehmern sagt auch nichts darüber aus, welches Wissen warum verloren gegangen ist.

Ich weiß zum Beispiel nicht, ob jemand ein altes Hausmittel nicht mehr anwendet, weil die Zeit fehlt, weil die Gelegenheit fehlt oder weil niemand mehr da ist, der es zeigen könnte.

Ich weiß auch nicht, ob das Wissen tatsächlich verschwunden ist oder ob es nur aus unserem Alltag verschwunden scheint.

Und vielleicht würde ich bei einer nächsten Umfrage, die Frage/n anders stellen.

Denn wenn ich an die gegebenen Antworten denke, geht es nicht nur um Hausmittel, Reparaturen, Pflanzen oder Rezepte.

Es geht um so viel mehr als das. Es geht um Geschichten, um unsere Sprache (vor allem die Dialekte), um Selbstständigkeit.

Und wahrscheinlich lässt sich dieser Themenbereich gar nicht in einer Liste von Kategorien erfassen.

Wenn dich das Thema beschäftigt:

In meinem Newsletter schreibe ich jeden Freitag über Entschleunigung, Natur und das, was wir von früher mitnehmen können.

Von Tina Baier

ÜBER TINA BAIER: Tina Baier schreibt über ein ruhigeres, bewussteres und naturverbundeneres Leben. Seit 2007 erforscht sie ihre Familiengeschichte und fragt sich bis heute, welche Geschichten die Menschen vor uns hinterlassen haben. Auf ihrem Blog nimmt sie dich mit auf diese Spurensuche: zu den Vorfahren, in die Natur und zu einem achtsameren Alltag. Mehr über mich erfährst du hier.

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