Vor einigen Monaten hätte ich wahrscheinlich noch gesagt, dass ein Blog eine klare Nische braucht um gelesen zu werden. Schließlich hört man diesen Ratschlag überall: ob von anderen Bloggern, aus Ratgebern oder aus Blogging-Kursen. Also habe ich genau dasselbe versucht. Und ich hatte über die Jahre dabei immer das Gefühl, ich hätte mich irgendwie verstellt.
Doch manchmal verändert sich der eigene Blick auf die Dinge. Bei mir kam diese Veränderung nicht von heute auf morgen. Sie kam schleichend. Wirklich bewusst geworden ist sie mir erst in diesem Frühjahr während meines Burnouts.
Kurzzusammenfassung: Ich verabschiede mich nicht von der Ahnenforschung. Ich verabschiede mich von der Vorstellung, dass mein Blog nur ein einziges Thema haben darf. Ahnenforschung bleibt ein wichtiger Teil meines Blogs – genauso wie Themen rund um Natur, Geschichte, Slow Living und alles, was mich gerade beschäftigt. Dabei möchte ich mich nicht auf eine einzige Nische beschränken.
5 Gründe, warum der Nischenblog für mich nicht mehr gepasst hat
1. Ich habe gemerkt, dass ich mehr erzählen möchte
Ich mag die Ahnenforschung. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Suche nach Spuren, die Geschichten, die dabei zum Vorschein kommen, das ist immer noch das, was mich am meisten fesselt.
Aber nur darüber zu schreiben, fühlt sich im Moment eher einengend an. Da sind so viele andere Themen, über die ich ebenfalls schreiben möchte. Natur, historische Orte, gelesene (Fach-)Bücher, ein bewussteres Leben oder einfach Gedanken, die mich gerade beschäftigen und die auf den ersten Blick nichts mit einem Stammbaum zu tun haben.
Am Anfang habe ich solche Ideen meistens verworfen, bevor sie überhaupt eine Chance hatten. Passt das zur Ahnenforschung? Nein. Also nicht schreiben. Diese Frage stand quasi vor jedem Artikel, den ich hätte schreiben können, und hat mehr davon verhindert, als sie erlaubt hat.
Mit jedem Artikel, den ich dann doch nicht geschrieben habe, wurde mir klarer, dass all diese Themen ebenfalls zu mir gehören. Sie sind keine Abweichung vom eigentlichen Blogthema, sondern genauso selbstverständlich wie die Ahnenforschung selbst.
Und eigentlich hängt das alles ohnehin zusammen. Wer sich mit Ahnen beschäftigt, landet zwangsläufig bei Geschichte, bei alten Orten, bei der Frage, wie Menschen früher gelebt haben – und irgendwann auch bei der Frage, wie ich selbst leben möchte. Diese Themen gehören für mich einfach zusammen, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht.
2. Mein Blog hat sich schon einmal verändert oder Aller guten Dinge sind drei
Eigentlich ist dieser Schritt der Umstrukturierung gar nicht neu.
Angefangen habe ich mit einem Blog rund um Ernährung. Später wurde daraus ein Blog über Ahnenforschung. Damals fühlte sich dieser Themenwechsel absolut richtig an.
Beide Themen waren schon immer ein Teil von mir und nacheinander sichtbar. Vielleicht bin ich selbst die Nische – mit allem, was mich interessiert, nicht mit einem einzelnen Ausschnitt davon.
Ein Blog ist ja kein fertiges Produkt, das einmal definiert wird und dann für immer so bleiben muss. Er ist eher ein Abbild von dem, womit ich mich gerade beschäftige. Und das verändert sich, genauso wie ich mich verändere.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einem Blog, der eine Marke bedient, und einem Blog, der eine Person begleitet. Eine Marke bleibt idealerweise konstant, wiedererkennbar, gleich. Ein Mensch tut das nicht. Und wenn mein Blog mich wirklich abbilden soll, dann darf er sich eben auch verändern, wenn ich mich verändere.
3. Während meines Burnouts hat sich mein Blick verändert
Während meines Burnouts hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Zeit, die ich mir wahrscheinlich sonst nicht genommen hätte, weil einfach nicht mehr viel anderes ging.
Dabei wurde mir bewusst, dass ich meinen Blog immer stärker durch eine bestimmte Frage betrachtet habe: Passt dieses Thema überhaupt in meine Nische? Diese Frage stand vor jedem Artikel, jeder Idee, fast wie ein Filter, durch den erst mal alles durch musste.
Eigentlich müsste die Frage aber anders lauten: Möchte ich darüber schreiben?
Das klingt erstmal nach einem kleinen Unterschied. War es aber nicht. Die erste Frage fragt nach außen: Passt das zu dem, was andere von mir erwarten oder kennen? Die zweite Frage fragt nach innen: Will ich das gerade wirklich (schreiben)?
Allein dieser Perspektivwechsel hat viel verändert. Zwar nicht sofort, nicht wie ein Schalter, der einfach umgelegt wird. Aber langsam wurde mir klar, dass ich mir mit der ersten Frage jahrelang selbst im Weg gestanden habe.
Vielleicht ist das eine der Sachen, die ein Burnout einem manchmal zeigt: nicht nur, dass man langsamer machen muss, sondern auch, wonach man eigentlich fragen sollte.
4. Ich bin mehr als ein einziges Thema
Neben der Ahnenforscherin bin ich ja auch noch Ernährungsberaterin. Mein Schwerpunkt liegt vor allem in der Ernährung bei besonderen Lebensphasen, in meinem Fall bei Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost.
Ob Ernährung künftig wieder häufiger auf meinem Blog vorkommt, weiß ich heute noch nicht. Das ist einer der Punkte, die ich mir bewusst noch offenlasse, statt jetzt schon wieder eine neue Schublade aufzumachen.
Aber allein die Tatsache, dass ich verschiedene Interessen und Erfahrungen habe, zeigt mir, dass ich mich nicht künstlich auf ein einziges Thema reduzieren muss. Ich bin ja auch im echten Leben nicht nur eine Sache. Ich forsche zu meinen Vorfahren, ich berate zu Ernährung, ich interessiere mich für die Natur und für ein langsameres Leben. All das existiert gleichzeitig, ohne dass ich mich dafür entscheiden müsste, nur einen Teil davon zu zeigen.
Warum sollte mein Blog dann anders funktionieren als ich selbst?
5. Manchmal findet einen genau der richtige Artikel
Vor Kurzem hat mich der Artikel „Zwei Standbeine, eine Marke“ von Diana Fux gefunden.
Er war nicht der Auslöser für meinen Themenwechsel. Die Entscheidung hatte sich schon vorher innerlich entwickelt. Er war sozusagen das letzte Puzzleteil, das mir inoffiziell die Erlaubnis gegeben hat, die Themenerweiterung anzugehen.
Aber beim Lesen hatte ich das Gefühl: Genau das beschäftigt mich gerade.
Manchmal braucht es nur einen Gedanken von außen, damit etwas, das man schon lange fühlt, plötzlich einen Namen bekommt.
Was nach dem Nischenblog kommt
Nein, aus meinem Blog wird jetzt kein Sammelsurium beliebiger Themen. Das war auch nie die Idee dahinter
Es gibt weiterhin einen roten Faden, auch wenn er nicht mehr aus einem einzigen Thema besteht, sondern aus dem, was mich als Mensch ausmacht. Mich interessieren Themen, die mit Natur, Geschichte, bewusstem Leben und persönlichen Entdeckungen zu tun haben. Die Ahnenforschung bleibt ein Teil davon. Genauso wie historische Orte, gelesene Bücher oder Gedanken, die unterwegs entstehen.
Vielleicht lässt sich das gar nicht in eine klassische Nische einordnen. Kein Etikett, das man in einem Satz zusammenfassen könnte, kein „Blog für X“. Eher ein Blog für Menschen, die genauso denken wie ich – die sich nicht auf eine Schublade reduzieren lassen wollen, auch wenn das unübersichtlicher ist als eine klare Nische.
Und genau damit fühle ich mich inzwischen wohl. Nicht, weil Unübersichtlichkeit an sich erstrebenswert wäre, sondern weil sich das jetzt richtiger anfühlt als jede Nische, in die ich mich vorher gepresst habe.
Ob das langfristig funktioniert, weiß ich noch nicht. Vielleicht verliere ich dadurch Leser, die genau die Ahnenforschungs-Anleitungen gesucht haben. Vielleicht gewinne ich andere dazu, die genau diese Vielfalt gesucht haben. Beides ist möglich, und beides ist okay.
Was sich seit dieser Entscheidung verändert hat
Ich bin gerade dabei, diesen Themenwechsel umzusetzen. Es ist also kein abgeschlossener Prozess, sondern einer, in dem ich gerade mittendrin stecke.
Ein bisschen Angst ist schon dabei. Wovor genau, kann ich gar nicht richtig beschreiben. Vielleicht davor, dass sich Leser, die wegen der Ahnenforschung gekommen sind, jetzt fragen, was aus dem Blog geworden ist. Vielleicht auch einfach die generelle Unsicherheit, die entsteht, wenn man etwas Vertrautes verlässt, ohne genau zu wissen, wo man landet.
Vielleicht gehört das einfach dazu, wenn man etwas verändert. Vielleicht wäre es sogar ein schlechtes Zeichen, wenn gar keine Angst da wäre – dann hätte sich wahrscheinlich auch nichts wirklich verändert.
Gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich wieder mehr Freude am Schreiben habe. Ich muss Ideen nicht mehr verwerfen, nur weil sie angeblich nicht in meine Nische passen. Ich kann einen Gedanken über die Natur genauso aufschreiben wie einen über eine alte Kirchenbucheintragung, ohne mich zu fragen, ob das überhaupt zusammenpasst.
Allein das fühlt sich befreiend an. Nicht laut, nicht wie ein großer Befreiungsschlag, sondern eher wie ein leiseres Aufatmen beim Schreiben.
Woran auch du merken kannst, dass deine Nische vielleicht nicht mehr zu dir passt
Vielleicht erkennst du dich in einem oder mehreren dieser Punkte wieder:
- Du hast ständig Ideen für Artikel, veröffentlichst sie aber nicht. Nicht weil sie schlecht wären, sondern weil sie „nicht in deine Nische passen“.
- Du schreibst nur noch über ein Thema, obwohl dich längst andere Dinge genauso interessieren. Diese anderen Themen verschwinden nicht, sie warten nur im Hintergrund.
- Du fragst dich häufiger: Passt das zu meinem Blog? als: Möchte ich darüber schreiben? Die erste Frage richtet sich nach außen, die zweite nach innen. Wenn die erste Frage ständig die Zweite überstimmt, lohnt sich ein zweiter Blick.
- Dein Blog fühlt sich zunehmend wie eine Verpflichtung an statt wie ein Ort, an dem du deine Gedanken teilen möchtest. Aus Freude wird Pflicht, aus Pflicht irgendwann Vermeidung.
Das bedeutet nicht, dass Nischenblogs grundsätzlich schlecht sind. Für viele Menschen sind sie genau der richtige Weg, und manche fühlen sich in einer klaren Nische wohler und nicht eingeengter.
Für mich hat sich jedoch gezeigt, dass ich meinen Blog nicht länger auf ein einziges Thema beschränken möchte.
Schlussgedanke
Ich verabschiede mich also nicht von der Ahnenforschung.
Ich verabschiede mich von der Vorstellung, dass mein Blog nur aus dem Thema Ahnenforschung bestehen darf.
Vielleicht wird mein Blog dadurch vielfältiger. Vielleicht verändert er sich auch in den nächsten Jahren noch einmal und es kristallisiert sich eine neue Nische heraus.
Und vielleicht frage ich mich in einem Jahr wieder: Warum habe ich eigentlich nicht schon viel früher darüber geschrieben?
ÜBER TINA BAIER: Geschichten finden sich überall: in alten Aufzeichnungen, in der Natur und in den kleinen Momenten des Alltags. Auf diesem Blog geht es um Familiengeschichten, achtsames Leben und die vielen Spuren, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden.
Mehr über mich erfährst du hier.