Seit Jahrhunderten prägt das Patriarchat nicht nur unsere gesellschaftlichen Strukturen, sondern auch unsere spirituellen Vorstellungen. In den großen Weltreligionen dominiert stark das männliche Prinzip: Gott ist Vater, König, Richter. Autoritär, allmächtig, eifersüchtig und manchmal auch zornig.
Doch was, wenn genau hier der Ursprung unserer kollektiven Schieflage liegt? Was, wenn unsere spirituelle Entfremdung mit dem Verlust einer göttlichen Balance begonnen hat?
In diesem Artikel möchte ich auf die verdrängte weibliche Dimension des Göttlichen und die Auswirkungen des Patriarchats auf unsere spirituelle Entwicklung eingehen.
Was ist das göttlich Weibliche?
Was bedeutet „göttlich weiblich“?
Das göttlich Weibliche steht für eine uralte spirituelle Kraft, die Leben hervorbringt, nährt, verbindet und verwandelt. Es beschreibt keinen Gegensatz zum Männlichen, sondern dessen notwendige Ergänzung.
Zentrale Aspekte des göttlich Weiblichen
Empfänglichkeit statt Kontrolle
Verbundenheit statt Hierarchie
Zyklus, Wandel und Verkörperung
Intuitive Weisheit und inneres Wissen
Heiligkeit des Körpers und der Erde
Warum wurde es verdrängt?
Mit dem Aufstieg patriarchaler Religionen und Machtstrukturen verlor das Irdische, Körperliche und Weibliche seinen spirituellen Wert. Das Göttliche wurde zunehmend fern, männlich und autoritär – und das Gleichgewicht ging verloren.
Warum ist seine Rückkehr heute so bedeutsam?
In Zeiten von Erschöpfung, Entfremdung und Sinnsuche lädt das göttlich Weibliche dazu ein, Spiritualität wieder zu verkörpern – als gelebte Verbindung zu uns selbst, zu anderen und zur Erde.
Spiritualität unter patriarchalem Einfluss
Spiritualität verbindet uns mit etwas Größerem, mit einem tieferen Sinn. Was aber, wenn wir dieses Größere nur durch die Linse des Patriarchats betrachten?
Über Jahrhunderte wurde uns beigebracht, das Göttliche sei männlich: der Schöpfer, der Allmächtige, der Herr. Weibliche Aspekte wie Empfangen, Verbundenheit, Zyklus, Fürsorge oder intuitive Weisheit fanden kaum noch Raum im offiziellen spirituellen Narrativ.
Das führte nicht nur zu einer Verzerrung des Göttlich-Weiblichen, sondern auch zu einer inneren Spaltung in uns allen. Das Göttliche wurde immer stärker mit dem Himmel und dem Männlichen gleichgesetzt – fern, unnahbar, autoritär. Gleichzeitig verlor das Irdische, das Körperliche, das Weibliche seinen spirituellen Wert. Es galt als unrein, niedrig oder gar sündhaft.
Vielleicht sollten wir genau diese Trennung hinterfragen und versuchen, das Gleichgewicht zwischen den weiblichen und männlichen Anteilen in uns wiederherzustellen.
Die vergessene Große Mutter
Lange bevor die Religionen das Bild des männlichen Gottes etablierten, wurde in vielen Kulturen die Große Mutter verehrt. Sie war Ursprung und Schöpfungskraft zugleich.
Diese uralte Göttin, bekannt unter vielen Namen – Asherah, Inanna, Isis, Danu, Maria, Demeter, Gaia – verkörperte das Leben in seiner Ganzheit: Geburt und Tod, Fruchtbarkeit, Licht und Schatten.
Sie war keine „weiche“ Mutterfigur, sondern eine kosmische Kraft voller Würde, Macht und Mysterium.
In den steinzeitlichen Kulturen Mittel- und Südeuropas finden sich zahllose Figuren, die sie darstellen – rund, empfangend, gebärend. Ihr Kult war Ausdruck tiefen Respekts vor dem Leben, vor der Erde und vor dem Zyklus des Werdens und Vergehens.
Mit dem Aufstieg des Patriarchats wurde diese Große Mutter zunehmend dämonisiert, ins Abseits gedrängt und durch männliche Götter ersetzt.
Doch sie ist nicht verschwunden. Sie lebt weiter. In alten Mythen, in der Erde, in unserem Körpergedächtnis.
Das spirituelle Erbe des Patriarchats
Wenn wir heute über Spiritualität sprechen, tun wir das oft in Strukturen, die das Patriarchat geformt hat:
- Hierarchie statt Verbindung
- Regeln statt Beziehung
- Kontrolle statt Vertrauen
Viele Menschen haben gerade deshalb oder haben bereits der Religion den Rücken gekehrt. Weil sie intuitiv spüren, dass das Göttliche mehr ist als ein strenger, strafender Vater im Himmel.
Doch auch abseits traditioneller Religionen wirken patriarchale Muster weiter: in starken esoterischen Bewegungen, in der Trennung von Körper und Geist, auch im spirituellen Leistungsdruck, immer „hoch schwingend“ sein zu müssen.
Wahre Spiritualität braucht keine Unterwerfung unter ein männlich geprägtes Ideal. Sie braucht Ganzheit. Sie braucht den Mut, das Göttliche in allen Facetten, vor allem in uns selbst, wieder zu erkennen.
Was passiert, wenn wir uns wieder an das Weibliche erinnern
Sich an die Große Mutter zurückzubesinnen bedeutet nicht, das Männliche zu entwerten – im Gegenteil. Sie ruft uns dazu auf, das Männliche aus seiner verzerrten Überhöhung zu befreien und es wieder gleichwertig mit dem Weiblichen zu bringen.
Auch Männer zahlen einen Preis für das Patriarchat – durch Gefühlsverbote, Konkurrenzdruck und die Entfremdung von ihrer emotionalen Tiefe. Auch wenn sie strukturell von patriarchalen Machtstrukturen profitieren, begrenzt es ihre Verbindung zu sich selbst.
Die Wiederentdeckung des göttlich Weiblichen kann daher auch Männern eine tiefere Verbindung zu sich selbst schenken – zu ihrer Intuition, ihrer Empfänglichkeit, ihrer emotionalen Tiefe.
Es geht nicht um „mehr Weiblichkeit“, sondern um mehr Ausgewogenheit. Um ein neues Ganzes, das sowohl nährt als auch schützt, sowohl empfängt als auch gestaltet, sowohl verwurzelt als auch visionär ist.
Wie könnte dieses Erinnern aussehen?
Es beginnt nicht in heiligen Schriften oder institutionellen Reformen, sondern in uns selbst. In der Art, wie wir das Göttliche erleben und benennen. Wie wir mit uns selbst, mit anderen und mit der Erde umgehen.
Ein Erinnern an die Große Mutter könnte bedeuten:
Das Göttliche im Irdischen zu erkennen – im Körper, im Alltag, in der Natur
Kreisläufe statt Hierarchien zu ehren – Leben als Prozess, nicht als Leistungsdruck
Beide Kräfte in uns zu leben – den inneren Krieger ebenso wie die weise Mutter
Die Große Mutter zu erinnern – nicht als nostalgische Figur, sondern als lebendige Kraftquelle
Verbindung statt Trennung zu wählen – in spirituellen Praktiken, in Sprache, in Gemeinschaft
Heilung durch das göttlich Weibliche
Die Rückverbindung mit dem göttlich Weiblichen wirkt heilsam. Nicht, weil sie Probleme „wegmacht“, sondern weil sie uns wieder in Beziehung bringt: mit unserem Körper, unseren Gefühlen und unserer inneren Wahrheit.
Heilung geschieht hier nicht durch Leistung oder spirituelles Streben nach oben, sondern durch ein Erinnern. Durch das Zulassen von Langsamkeit, von Nichtwissen, von inneren Zyklen.
Das göttlich Weibliche lehrt uns, dass Wachstum nicht linear verläuft. Dass Rückzug, Zweifel und Dunkelheit keine Fehler sind, sondern notwendige Phasen im Prozess des Werdens. In einer patriarchal geprägten Spiritualität gelten diese Zustände oft als Mangel – im weiblichen Prinzip sind sie Teil der Weisheit.
Diese Form der Heilung betrifft nicht nur Frauen. Auch Männer finden hier einen Raum, in dem Gefühl, Verletzlichkeit und Intuition keine Schwäche darstellen, sondern Tiefe. Die Begegnung mit dem göttlich Weiblichen kann helfen, alte innere Härten zu lösen und eine weichere, zugleich kraftvolle Präsenz im Leben zu entwickeln.
Heilung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Rückkehr zu einem früheren Zustand, sondern Ganzwerdung. Die Integration dessen, was lange ausgeschlossen oder abgewertet wurde.
Reflexionsfragen für dich
Diese Fragen sind eine Einladung. Nimm dir Zeit. Es geht nicht um schnelle Antworten.
- Wo erlebe ich Spiritualität eher als Leistung oder Pflicht und wo als Verbindung?
- Welche Anteile in mir wurden vielleicht als „zu weich“, „zu emotional“ oder „zu langsam“ abgewertet?
- Wie verändert sich mein Gottesbild, wenn ich das Göttliche auch als nährend, zyklisch und verkörpert denke?
- Wo wünsche ich mir mehr Balance zwischen Tun und Sein?
- Was würde sich in meinem Alltag verändern, wenn ich dem göttlich Weiblichen mehr Raum gebe
Fazit: Aufbruch in eine ganzheitliche Spiritualität
Wir stehen an einem Punkt der Weltgeschichte, an dem sich vieles verändert: gesellschaftlich, ökologisch, spirituell. Die alten Ordnungen tragen nicht mehr. Die Antworten der Vergangenheit reichen nicht mehr aus.
Doch anstatt weiter im Mangel zu verharren, können wir uns erinnern:
An das, was einst war und an das, was in uns schlummert.
Eine neue Ordnung bedeutet Rückverbindung. Heilung. Ganzwerdung.
Sie führt uns zurück zu einer Spiritualität, die nicht urteilt. Die uns als Kollektiv nicht voneinander trennt und kontrolliert, sondern verbindet.
Und vielleicht ist genau das die Art von leiser Revolution, die wir brauchen. Nicht gegen etwas, sondern für etwas Größeres:
Für das Göttliche in seiner ganzen Fülle.
Wenn du diesen Weg gehen willst, beginne bei dir selbst. Lausche deiner inneren Stimme. Spüre. Erinnere dich.
Die Große Mutter wartet nicht auf Erlösung. Sie wartet darauf, dass wir uns wieder mit ihr verbinden.
Möchtest du tiefer in die weibliche Spiritualität eintauchen? Lies auch meine Artikel über [Die Hexenverfolgung und ihre Auswirkungen auf uns heute] und [Ahninnen finden – weibliche Ahnenlinien gezielt erforschen].

ÜBER MICH: Seit über 20 Jahren erforsche ich meine Familiengeschichte. Was als einfache Neugier begann, ist zu einer Leidenschaft geworden, die mich bis heute begleitet. Auf meinem Blog möchte ich dir zeigen, wie du mit einfachen Werkzeugen selbst auf die Reise zu deinen Wurzeln gehen kannst.
Mehr über mich erfährst du hier.